LIMINALIS...AKTUELLE AUSGABE 2008_02
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AUSGABE 2008_02 * * * K Ü N S T L E R _ I N * * *


Martina Minette Dreier – Doing Gender

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The Merry Wanderer (2008, Öl/Leinwand, 100x100)

The Merry Wanderer (2008, Öl/Leinwand, 100x100)

 

Océan (2003, Bleistift/Papier, 30x30)

Océan (2003, Bleistift/Papier, 30x30)

 

Océan (2004, Bleistift/Papier, 25x25)

Océan (2004, Bleistift/Papier, 25x25)

 

Daphne de Baakel (2005, Öl/Leinwand, 100x100)

Daphne de Baakel (2005, Öl/Leinwand, 100x100)

 

Daphne (2005, Öl/Leinwand, 100x100)

Daphne (2005, Öl/Leinwand, 100x100)

 

Arthür (2006, Öl/Leinwand, 100x100)

Arthür (2006, Öl/Leinwand, 100x100)

 


 

Martina Minette Dreier – Doing Gender

We are what is coming next

Es kann sein, dass ich einen Mundwinkel faszinierend finde, oder ein Tattoo. Vielleicht spricht mich die Art an, wie jemand beim Reden mit der Nasenspitze wackelt oder mit scheinbar ungerührter Miene durch eine Menschenmenge segelt.

Durch eine Kleinigkeit aufmerksam gemacht, fange ich an, jemanden zu beobachten, mache mir ein Bild von ihm. Und dann will ich wissen, ob ich ihn so sehe, wie er gesehen werden möchte, ob er so wirkt, wie er sich zeigen will.

Das Malen ist eine wunderbare Möglichkeit, das herauszufinden, einem Menschen nahe zu kommen, ihn kennen zu lernen und sich tatsächlich ein Bild zu machen.

Der spannendste Moment beginnt für mich dann, wenn mein Modell in einen Zustand von meditativer Selbstvergessenheit gerät, nichts mehr verbergen oder darstellen möchte und einfach nur IST. Dann habe ich das Gefühl, dass ich aus einer ganz besonderen Quelle schöpfen darf und mir Dinge mitgeteilt werden auf einer Ebene, die mit Sprache oder Verstand nicht zu erreichen ist.

Ich arbeite nicht mit Profi-Modellen. Für viele ist es das erste (und vielleicht auch einzige) Mal, dass sie von einer Malerin porträtiert werden. Und wenn man nicht weiß, wie etwas Neues funktioniert, greift man gern auf Bekanntes zurück und schaut in die Augen der Malerin wie ins Objektiv einer Kamera: aufmerksam, gespannt, vielleicht mit einem Lächeln, auf jeden Fall so, wie man gesehen werden möchte, wie man sich selbst im Spiegel anschaut.

Doch keine Pose, egal wie vertraut sie ist, kann über Stunden aufrecht erhalten werden. Irgendwann erlahmt die Kontrolle, lässt die Spannung nach. Man hat sich an die Situation im Atelier gewöhnt, an den Geruch von Ölfarbe und Terpentin, an das kratzende Geräusch der Pinsel auf der Leinwand; man sitzt schon seit einer Stunde und wird auch in der folgenden Stunde nichts anderes tun. Und ganz langsam richtet sich der Fokus der Aufmerksamkeit auf die eigene Mitte.

Wer bin ich?

Was will ich? Wie will ich sein? Was wünsche ich mir, wovon träume ich, was möchte ich erreichen?

Und wie sehr bin das wirklich ICH, wie weit bin ich beeinflusst von den Erwartungen anderer, von dem, was sie in mir sehen wollen?

Die Frage nach der eigenen Identität ist umso schwieriger zu beantworten, je weiter man von der Norm abweicht. Und die Norm schreibt zwei Geschlechter und die damit verbundenen Rollenbilder vor.

Mann oder Frau: Ganz selbstverständlich ordnen wir die Menschen, die uns begegnen, in eine dieser Kategorien ein. Was macht uns so sicher? Nach welchen Kriterien unterscheiden wir? Offenbar bilden Bart, Brüste, Makeup oder Adamsapfel ein System von Zeichen, die wir einfach dekodieren können.

Doch immer mehr Menschen inszenieren sich unabhängig von der ihnen zugewiesenen Rolle. Sie zeigen, dass das binäre System nicht das einzig mögliche ist, und dass zwischen den Kategorien Mann und Frau ein ganzes Universum unterschiedlicher Spielarten von Menschsein liegt. Ein Universum, in dem ich mich sehr zu Hause fühle.

"We are what is coming next" lässt Jeffrey Eugenides einen Hermaphroditen in seinem Roman Middlesex sagen.

Sind wir auf dem Weg in eine Form von Gesellschaft, in der Sex und gender nicht voneinander abhängig sind? In der es die Freiheit gibt, genau der/die zu sein, der/die ich sein möchte? Die Serie „Doing Gender“ bietet diese Freiheit und lässt die sichere Orientierung bei der Aufteilung in zwei Geschlechter ins Wanken geraten.

© Martina Minette Dreier

Alle Bilder stammen aus der Serie „Doing Gender“ von Martina Minette Dreier.

www.doinggender.de >>

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